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Der Trick mit der Statistik

In AK Info, Allgemein, Info, LinkEmpfehlung on Freitag, 12. September 2014 at 17:38

Im Wettstreit der Argumente gilt oft: Wer die passende Statistik hat, hat recht. Doch nicht selten sagen Zahlen etwas ganz anderes, als es auf den ersten Blick scheint.

Die Nachricht schockte alle Burger-Junkies und Kebab-Kings:
Fast Food macht depressiv! So lauteten die Schlagzeilen über eine Studie der spanischen Universität Navarro, die im Frühjahr 2012 veröffentlicht wurde. Besonders gefährdet seien Singles, die mehr als 45 Stunden die Woche arbeiteten.

Doch macht Fast Food wirklich unglücklich? Oder achten unglückliche und gestresste Menschen einfach weniger auf ihre Ernährung?
Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus: Was die Ursache und was die Wirkung ist, kann die Studie nicht eindeutig beantworten – nur, dass Depressive auch öfter Fast Food konsumieren.

Ebenso wenig ist der Umkehrschluss zulässig, dass Menschen umso weniger zur Schwermut neigen, je weniger Fast Food sie essen. Denn das geringste Risiko hatten jene, deren täglicher Konsum ziemlich genau in der Mitte zwischen Fast-Food-Junkies und Gesundheits-Freaks lag (genau: 8,7 Fälle im Jahr pro 1.000 Personen).

Kenntnisse fehlen
Über die Aussagekraft von Statistiken lässt es sich schon unter Fachleuten trefflich streiten. Umso schwerer tun sich Menschen, die nicht tagtäglich mit dieser Art Zahlen zu tun haben.
Dem Laien ist aber oft nicht bekannt, wie die Daten erhoben wurden und welche Schlussfolgerungen auf dieser Grundlage wirklich gezogen werden können.

So bedeutet die Aussage: „Es wird morgen zu 30 Prozent regnen“ nicht, dass es ein Drittel des Tages regnen wird. Es sagt nur, dass es unter den beobachteten Wetterbedingungen eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit gibt, dass es am nächsten Tag regnet.

In einer modernen Gesellschaft wird das Verständnis für Zahlen und Statistiken immer wichtiger. Doch die meisten Menschen bekommen das Werkzeug dazu nicht mit auf den Weg. „Wir sollten in den Schulen frühzeitig Statistikkompetenz vermitteln, die Kinder müssen den Umgang mit Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten lernen“, fordert der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Wie Humbug zu durchschauen ist, erklärt Bildungswissenschaftler Gigerenzer gemeinsam mit den Universitätsprofessoren Walter Krämer und Thomas K. Bauer auf www.unstatistik.de.
Die „Unstatistik des Monats“ gibt oft haarsträubende Beispiele von kreativen Auslassungen und Auslegungen.

Nobel verschwiegen
Dabei ist es meist gar nicht notwendig, zu lügen. Es reicht, Fakten unter den Tisch fallen zu lassen, die das eigene Argument nicht stützen. Der katholische Familienverband etwa beklagte diesen Frühsommer einen
Wertverlust der Familienbeihilfe um 35 Prozent seit dem Jahr 2000.
„Übersehen“ wurde allerdings eine Reihe anderer Erhöhungen von Familienleistungen:
Die AK Experten rechneten nach, und siehe da: Statt einem Wertverlust ergab sich eine Steigerung der Leistungen aus dem Familienlastenausgleichsfonds für ein Kind um 44 Prozent.

Werden Sie reich!
Ein anderes Beispiel: 2003 startete die damalige österreichische Regierung eine Initiative für private Pensions-Vorsorgemodelle.
Für 1.000 Euro Einzahlung pro Jahr gab es 90 Euro Prämie vom Staat. Auf den ersten Blick ein tolles Angebot. Denn selbst wenn der veränderliche Zinssatz der Bank auf null gefallen wäre, hätte allein die staatliche Prämie einen Zinssatz von sensationellen 9 Prozent ergeben.
Allerdings:
nur im ersten Jahr. Wenn das Sparguthaben nach dem zweiten Jahr auf 2.090 Euro gestiegen war, ergab die Prämie nur mehr einen Zinssatz von 4,3 Prozent. Denn die staatliche Prämie blieb ja gleich hoch bei 90 Euro. Dennoch warben die Banken mit 9 Prozent. Der Slogan dazu: „Üben Sie schon mal, reich zu sein.“
Die Realität sah anders aus:
Nach zehn Jahren wäre der garantierte Zinssatz bei nur mehr 0,8 Prozent. Mit einem Sparbuch mit einem fixen Zinssatz von 2 Prozent, wie es damals noch zu haben war, wäre man also deutlich besser gefahren.

Doch das wusste nicht einmal ein Großteil der Bankberater, wie eine Untersuchung mit Test-Kunden ergab. Drei von zehn Berater saßen sogar selbst dem Werbeschmäh auf und dachten, dass die staatliche Prämie eine Verzinsung von 9 Prozent über die gesamte Laufzeit garantiere.
Aber auch jene, die es besser wussten, versuchten die Kunden zum Abschluss dieser Modelle zu überreden. Der Reiz der Provision war wohl attraktiver als die ganze Wahrheit.

Statistiken, auf die Sie sich verlassen können, finden Sie hier:
Wirtschafts- und Sozialstatistisches Taschenbuch

AK FÜR SIE 09/2014
Von K. Nagele/C. Resei

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