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Unerklärlich starke Preissteigerungen in Österreich!

In AK Info, BR-Info, Info on Donnerstag, 21. Juni 2012 at 20:53

Langfristig gesehen weist Österreich im internationalen vergleich relativ niedrige Inflationsraten auf.

Seit fünf Jahren sind in Österreich allerdings immer wieder überdurchschnittliche Inflationsraten festzustellen. Vor allem auch aufgrund von überschießenden Preissteigerungen in bestimmten Produktbereichen.
Bereits in den Jahren 2007/2008 stiegen die Preise wichtiger Güter des täglichen Bedarfs (Lebensmittel, Treibstoffe, Energie,…) außerordentlich an. Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen sind durch Preiserhöhungen in diesen Bereichen natürlich erheblich stärker betroffen, als jene mit hohem Einkommen.

Die Konsumerhebung der Statistik Austria zeigt, dass Haushalte mit Einkommen bis 1.866 € (das ist ein Viertel aller Haushalte!) weit über die Hälfte ihrer Ausgaben für Nahrungsmittel, Verkehr und Wohnen (inkl. Energie) verwenden. Gerade in diesen Bereichen stiegen aber die Preise besonders:

Allein im Zeitraum 2005 bis 2010 für Nahrungsmittel um 13,6% und für Wohnen (inkl. Energie) um 17,1%. Die Einkommen dieses Viertels aller Haushalte erhöhten sich allerdings nur um 10,2%!
2007/2008 stellten verschiedene Studien bzw. ExpertInnen von Wifo, IHS der OeNB und nicht zuletzt der AK fest, dass in Österreich manche Preise noch wesentlich stärker stiegen als im Euroraum-Durchschnitt und in unserem Nachbarland Deutschland.

Diese durch die internationale Entwicklung nicht erklärbare Differenz wurde damals heftig diskutiert („Österreich-Aufschlag“). Die höheren Preissteigerungsraten in Österreich wurden von den Unternehmen seither auch nicht mehr an die KonsumentInnen „zurückgegeben“ – wie fälschlicherweise immer wieder behauptet wird.

In den folgenden Jahren bewegten sich die Preissteigerungen in Österreich nämlich in etwa in der Höhe des Euroraumes bzw. von Deutschland (durch die Finanz- und Wirtschaftskrise war die Inflationsrate auch im Euroraum niedrig).

Um die Jahreswende 2010/2011 begannen erneut besonders die Preise von Gütern des täglichen Bedarfs stark zu steigen. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) stieg 2011 in Österreich um 3,6% – während die Inflation im Euroraum bei 2,7% und in Deutschland bei „nur“ 2,5% lag.

Der Preisanstieg von 3,6% war der vierthöchste im gesamten Euroraum – mit dem höchsten Abstand zum Euroraum-Durchschnitt seit der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) überhaupt erstellt wird.

Diese Entwicklung ist sehr besorgnis erregend, da ja Österreich bereits in der Vergangenheit ein sehr hohes Preisniveau aufwies. Heute sind wir bereits das sechst-teuerste Land des Euroraumes und liegen auch über dem deutschen Preisniveau. Das gegenüber Deutschland höhere Preisniveau wird immer wieder auch durch die regelmäßigen AK Preisvergleiche bestätigt:
Ein jüngster Vergleich von 47 vollkommen identen Produkten zeigt, dass diese in München um 6,8% (netto! – das heißt: unter Herausrechnung der unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze!) teurer sind als in Wien.

Dies veranlasste die AK, beim Wifo eine nähere Analyse dieser Entwicklung in Auftrag zu geben. Vor allem Produktgruppen mit auffälligen Unterschieden in der Preisentwicklung zum Euroraum (EA17) bzw zu Deutschland wurden betrachtet.
Sofern längerfristige Datenreihen zur Verfügung standen, konnten Baumgartner/Janger unter Einsatz einer panelökonometrischen Methode auch (wie bereits 2008) eine produktspezifische Zerlegung der Preisentwicklungen in internationale und nationale Komponenten (2008 unter „Österreich-Aufschlag“ diskutiert) vornehmen.

Als nationale Komponente verbleibt demnach jener Teil, der statistisch nicht durch internationale Entwicklungen erklärbar ist – sondern deren Ursache ausschließlich national gesucht werden muss („Österreich-Anteil bzw. -Aufschlag“).
Da die Analyse bei den EndverbraucherInnenpreisen ansetzt, ist über dieses Verfahren natürlich nicht erkennbar, auf welcher Stufe der Wertschöpfungskette der nationale Einfluss stattfindet.

Die Steigerung der Inflationsrate in Österreich im Jahr 2011 geht in erster Linie auf die Preissteigerungen bei Mineralölprodukten von 18,2%, Lebensmitteln von 4,4% und Dienstleistungen (zB im Bereich Tourismus) ebenfalls von 4,4%, zurück.
Die Wifo-Analyse arbeitete heraus, dass der Nahrungsmittelbereich und die Dienstleistungen einen erheblichen Anteil der großen Differenz der Preissteigerungen in Österreich zum Euroraum und zu Deutschland erklären – daneben tragen aber noch eine Reihe anderer Produktbereiche dazu bei.

Vor allem auch die stärkeren Preissteigerungen bei Bekleidung und auch Schuhen, die Treibstoffpreisentwicklung, die Instandhaltung und Reparatur von KFZ, Produkte zur Körperpflege oder auch verschiedene weitere Teilaggregate wie die Wohnungsmieten, Haushaltsgroß und –kleingeräte und die Wohnungsinstandhaltungsleistungen.

In diesen Bereichen wurden vom Wifo auch durchwegs erhebliche nationale Anteile – bis über 50% – bei den Preissteigerungen berechnet, die sich nicht durch internationale Entwicklungen erklären lassen.

Die Nahrungsmittel als Güter des täglichen Bedarfs sind besonders wichtig für große Teile der Bevölkerung. Schon im Jahr 2010 hatte Österreich bei Nahrungsmitteln das vierthöchste Preisniveau im Euroraum. Bei Brot/Mehlwaren und bei Fleischprodukten hatte es sogar das absolut höchste Preisniveau!

Und auch die Entwicklung im Jahr 2011 hat die Situation sicher nicht verbessert: Preissteigerungen von insgesamt 4,4% waren im Nahrungsmittelbereich zu verzeichnen, während sie in Deutschland mit 2,9% und im Euroraum mit 2,5% erheblich geringer ausfielen.
Zum Preisdifferenzial gegenüber Deutschland und dem Euroraum trugen 2011 vor allem Milch/Käse/Eier, Kaffee/Tee/Kakao, Zucker/Marmelade/Schokolade, Gemüse und das Obst bei. Dabei wurden bei Obst und Milch/Käse/Eier nationale Anteile („Österreich-Aufschlag“) von über 50% errechnet. Bei Kaffee/Tee/Kakao lag der Anteil bei über einem Drittel.

Aus Sicht der AK ist ein kurzfristiger Anstieg der Inflationsrate wie 2011 wohl nicht grundsätzlich als gefährliche Entwicklung einzustufen. Problematisch wird die Entwicklung allerdings dadurch, dass die Preisdynamik in Österreich zuletzt größer zu sein scheint als im internationalen Vergleich.
Zum anderen sind mit den Nahrungsmitteln, den Wohnkosten und dem Verkehr auch Produktbereiche des täglichen Bedarfs betroffen, denen man sich nicht oder nur teilweise entziehen kann.

Damit werden nämlich auch automatisch jene Bevölkerungsschichten stärker belastet, deren Einkommen zu einem höheren Anteil für Güter des täglichen Bedarfs verwendet wird.

Die AK wird daher weiterhin ein waches Auge auf die Entwicklung der für die Bevölkerung wichtigsten Preise werfen und entsprechende Positionen und Forderungen formulieren.

In dem dzt. in Umsetzung begriffenen Wettbewerbspaket der Bundesregierung wird bereits eine Reihe von Forderungen der AK erfüllt. Zum Beispiel mit der teilweisen Beweislastumkehr bei Preiserhöhungen, mit dem neu eingeführten Wettbewerbsmonitoring, um Märkte mit wenigen Mitspielern besser beobachten zu können (zB. hinsichtlich der Preisentwicklung), mit höheren möglichen Bußgeldern bei Kartellabsprachen, mit verbesserten Bestimmungen bei Hausdurchsuchungen durch die Bundeswettbewerbsbehörde, mit der Stärkung der Aufsicht über marktbeherrschende Unternehmen und auch mit der Aufstockung der Ressourcen der Bundeswettbewerbsbehörde.

Auch im Treibstoffbereich wurden zuletzt Maßnahmen gesetzt, die von der AK zum Teil bereits seit Jahren gefordert wurden. Es gibt eine Reihe von guten Gründen, um für bestimmte Produktbereiche den absolut freien Wettbewerb zu beschränken und Regulierungen und Vorschriften vorzusehen. Jedenfalls sollten die zuständigen Institutionen für einen intensiven Wettbewerb sorgen, um für die Bevölkerung niedrige Preise und innovative neue Produkte und Dienstleistungen in hoher Qualität sicherzustellen.

AK Wirtschaftspolitik-Standpunkte 02|2011
Von Roland Lang

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