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Der Entenboulevard

In AK Info, ÖGB Info, Info, Pressemitteilung on Freitag, 04. Mai 2012 at 11:11

Zeitungsenten und sogenannte Grubenhunde sind nicht nur Studierenden des Journalismus ein Begriff.

Heute wie vor 100 Jahren fallen die Medien auf sie herein. Viele Falschmeldungen werden aber von ihnen bewusst produziert. „Wer auf Partykracher hoffte, den überraschte George Michael mit ruhigen Klängen“, schrieb die „Kronen Zeitung“ am Tag nach dessen Wien-Konzert im November. Bei den Schlussliedern „Freedom“ und „I’m your man“ hingegen bebte die Stadthalle.

Das Problem: Das Ereignis war wegen Erkrankung des Sängers abgesagt worden.
Schon bei den Nationalratswahlen 2008 hatte die auflagenstärkste Zeitung des Landes hellseherische Fähigkeiten bewiesen, die allerdings durch keinen Spitalsaufenthalt der Protagonisten ad absurdum geführt worden wären:

So konnte Werner Faymann im TV-Duell „mit viel Erfahrung“ punkten, während sein damaliger Gegner Alexander Van der Bellen „fast britischen Humor“ bewies.
Das Problem: Der Bericht erschien in der Abendausgabe vor der Fernsehkonfrontation. Es habe sich auch um keine Kritik, sondern um eine Vorschau gehandelt, rechtfertigte sich das Blatt später.

George im und Robbie aus dem Koma
Ein gefundenes Fressen war die Zeitungsente der ohne den Sänger George Michael und sein Publikum bebenden Halle für das Fellner-Blatt „Österreich“. Es empörte sich über die „Peinlichkeit, (…) die Fans in die Irre zu führen“.

Mehr als nur peinlich war der Bericht gewesen, den „Österreich“ unter dem Titel „Robbie holte Show aus Koma“ über den Auftritt von Robbie Williams bei „Wetten, dass?“ lieferte. Ein Unfall hatte den Abbruch der Show erfordert, der verunglückte Wettkandidat musste längere Zeit im künstlichen Koma gehalten werden.

Da jault der Grubenhund
Offenbar nicht umsonst erfreut sich der „Grubenhund“ (eine spezielle Form der Zeitungsente) schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in Österreich besonderer Beliebtheit. Es handelte sich ursprünglich um die Rache des/der kritisch Lesenden an der Berichterstattung, meist in Form eines Leserbriefes oder einer getürkten Presseaussendung.

Berühmt wurden die beiden Sätze des Grubenhund-Erfinders Arthur Schütz, der sich im November 1911 über die techniklastige Berichterstattung der „Neuen Freien Presse“ (NFP) über ein lokales Erdbeben ärgerte. Unter dem Namen „Erich Ritter von Winkler“ schrieb er: „Ich saß allein im Kompressorenraum, als (…) der große 400 pferdekräftige Kompressor (…) eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann.“

Offenkundig wusste der Ingenieur Schütz vor 100 Jahren bereits um die Notwendigkeit, komplexe Sachverhalte durch Menschlich-Tierisches aufzulockern und fuhr fort: „Völlig unerklärlich ist jedoch (…), dass mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“ Ein Satz, der die Bezeichnung „Grubenhund“ begründete.

Als eigentlicher Erfinder fingierter Leserbriefe gilt aber Karl Kraus. Er hatte schon 1908 der NFP als Zivilingenieur J. Berdach einen Leserbericht über ein Erdbeben geschickt, der trotz hochgradiger Skurrilität veröffentlicht wurde.

Hermeneutik der Quantengravitation
Später, als sich die Zeitungen mehr auf die Meldungen von Presseagenturen als auf LeserInneninformationen verließen, gerieten die Grubenhunde etwas ins Abseits. Bewusst lancierte Falschmeldungen oder -berichte rütteln aber immer wieder am Glauben an das gedruckte Wort, so er noch vorhanden ist.

Etwa 1996 der Artikel des amerikanischen Physikers Alan Sokal mit dem Titel „Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“.
Der Beitrag erschien in der Fachzeitschrift „Social Text“, das Ziel des Autors, die nutzlose Pseudowissenschaftlichkeit so mancher pompöser Textkonstrukte aufzuzeigen, war erreicht.

Verlassen sich JournalistInnen bei ihrer Recherche auf das Internet als einzige Quelle, werden sie auch heute noch oft Opfer von bewusst lancierten Falschmeldungen. So blamierte ein Jungjournalist das Medienestablishment, als er am Tag vor Ernennung des Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg dessen Eintrag in der Wikipedia um den frei erfundenen elften Vornamen Wilhelm ergänzte.

Seriöse Online-Nachrichtenseiten wie „Spiegel Online“, „sueddeutsche.de“ und „taz.de“ übernahmen die Namensschlange ungeprüft. Der im Grund insignifikante Grubenhund Wilhelm machte sich dennoch lautstark bemerkbar: Immerhin knabberte er an der Glaubwürdigkeit professioneller Medien und der Netzenzyklopädie Wikipedia.

Das Sex-Gen und der Tastatur-Pilz
2005 kreierte ein deutscher Journalistikstudent im Rahmen seiner Diplomarbeit einen klassischen Grubenhund und sah zu, wie einfach seine Falschmeldung über das Internet in die Medien gelangte. Der Sensationsmeldung zufolge hatten Genforscher des Münchner Arthur-Schütz-Instituts (!) in der menschlichen DNS ein das Sexualverhalten steuerndes Gen entdeckt.

Zwar klang die Nachricht schlüssig, doch wäre die Täuschung offenkundig gewesen, sofern die Minimalanforderungen der journalistischen Recherche erfüllt worden wären. Die Meldung wurde an rund 1.500 Redaktionen und Agenturen geschickt und von einigen, darunter einer Fachpublikation für ApothekerInnen, veröffentlicht.

1997 sandte ein Witzbold ein Fax an die Nachrichtenagentur AP, in dem das österreichische Verkehrsministerium vor gefälschten Mautvignetten warnte, die zu Dumpingpreisen verkauft würden. Die Korrekturmeldung, nach Aussendung an die Redaktionen, kam für einige Medien zu spät.

Der „Münchhausen von Niederrhein“, als der sich der Witzbold Christian M. bezeichnet, hatte 1992 während einer PC-Virushysterie den „Tastatur-Pilz“ erfunden. Im Namen eines Professors riet er zur mehrstündigen Lagerung des Teils im Tiefkühlfach, um das Pilzwachstum zu bremsen. Sogar das Computer-Magazin „Chip“ fiel auf die Meldung herein.

Lohnend sei Kreativität bei der Erstellung von Briefbögen, so der Grubenhundexperte: Die von ihm erfundene „Fundamentalstation Wegberg“ etwa, die vor der Zerstörung eines NASA-Mondreflektors durch Meteoriten warnte, zeichnete als „Außenstelle der Saaruniversität“.

Eskimodichter Kobuk
Auf dem Briefpapier des PEN-Clubs hatte die Schauspiellegende Helmut Qualtinger im Jahr 1951 eine offizielle Einladung verschickt, die am nächsten Tag in der „Arbeiter-Zeitung“ zu lesen war.
„Der bekannte Eskimodichter Kobuk wird morgen auf dem Wiener Westbahnhof zur Dichterlesung eintreffen. Sein Stück ‚einsames Iglu‘ soll in Wien aufgeführt werden.

„Einige Reporter erschienen im sonnigen Juli zum Empfang am Bahnhof. „Haaß is“, sagte der dicke, im Pelz vermummte „Inuit-Dichter“ Kobuk schließlich auf die Frage nach seinen ersten Eindrücken von Österreich.

Kobuk“ nennt sich heute ein Medienwatchblog von Studierenden und Unterrichtenden am Publizistikinstitut der Uni Wien.
Er rät etwa: Gehen Sie bei Kurzgeschichten in „Österreich“ nie davon aus, dass abgebildete Personen etwas mit der Erzählung zu tun haben. Auch wenn hinzugefügte Augenbalken und Bildtexte es suggerieren. „Der jüngste Einbrecher ist jetzt im Waisenhaus“, lautet etwa die Bildlegende des Blattes zu einem Bericht über eine Familieneinbrecherbande.

Blog „Kobuk“ zeigt auch das Originalfoto, das von der Homepage der amerikanischen Bildagentur „Getty Images“ stammt. Nicht nur dem „symbolischen Journalismus“ widmen sich die engagierten MedienbeobachterInnen im Netz. Sie decken auch bewusste Manipulationen des Meinungsjournalismus auf:
Etwa indem sie durch Nachrechnen belegen, dass die „Kronen Zeitung“ EU-kritische Meldungen einfach mit falschen Zahlen untermauert. Nur zum Beispiel.

Arbeit&Wirtschaft
Von Gabriele Müller
15.12.2011

Aktuelle Nachrichten unseres MitarbeiterInnen-Blogs bekommt Ihr hier.

  1. […] Lehrreiches zum Thema Seriosität der Berichterstattung (gewisser) Medien weiß der Metro-Betriebsrat zu berichten: “Heute wie vor 100 Jahren fallen die Medien auf sie herein. Viele Falschmeldungen werden aber von ihn…“ […]

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