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Mythen am laufenden Band

In AK Info, ÖGB Info, Info, Pressemitteilung on Montag, 19. September 2011 at 6:00

Ohne Fließband gäbe es keine Lebensmittelversorgung.
Die Produktionsweise sagt über die Qualität per se nichts aus.

Die ersten Lebensmittel am Fließband waren Kekse. Acht Jahre bevor Henry Ford dieses System in der Autoindustrie übernahm, ließ Hermann Bahlsen seine Naschereien am Förderband verpacken.

In Wien kam die „Semmelstraße“ 1960 bei Ankerbrot zum Einsatz. Kurz danach wurden die Erzeugungslinien auch von Klein- und Mittelbetrieben übernommen.

Heute kommen viele Fließbänder ganz ohne Menschen aus. Im Lebensmittelsektor ist die Marktlage inzwischen gesättigt. (Der Hunger ist anderswo.) Die internationale Konkurrenz hat zu einem gewaltigen Verdrängungswettbewerb geführt, dem mit Übernahmen, Effizienzsteigerung und Kostensenkung der Produktion begegnet werden soll.

„Der Trend“, so besagt die Studie der Produktionsgewerkschaft PRO-GE „Lebensmittel in Europa„, „geht in Richtung eines integrierten europäischen Fertigungsverbundes mit Konzentrationen der Produktionsstandorte und Zentralisierung von Entscheidungskompetenzen.“

Mit Liebe kochen
Die klassische Werbegeschichte der Hausfrau mit Garten im Hintergrund, die liebevoll Erdbeeren zerteilt, um daraus Fruchtjoghurt von Danone zu fertigen, ist bekannt.

„Auch die schönen Bilder mit dem Bauern und seiner Ähre“, sagt Gerhard Riess, Sekretär der PRO-GE. Nur die Landarbeiterin erschiene in der Werbung nie. Es ginge in der Lebensmittelproduktion ja auch nicht um Wahrheit, „sondern um eine Idealisierung der Nahrung. Das ist Teil der Industrie“.

Auch Fließbänder kommen in der Werbung nicht vor. Sie sind nicht romantisch. Bei der Diskussion um unsere Lebensmittel wäre aber auch die Fließbandarbeit bzw. industrielle Produktion in Betracht zu ziehen.

„Denn hier“, sagt Gerhard Riess, „stellt sich insgesamt die Frage, welche Bedeutung die arbeitsteilige Produktion für den Menschen hat.“ Zwar bezeichnet sich Riess selbst „als Lobbyist für Kleinbetriebe und kleine Einheiten“.
Über den Denkansatz, klein sei gut und groß automatisch böse, den auch er noch im Kopf habe, könne man aber durchaus diskutieren. Er sei jedoch im Grunde nicht der wesentliche Punkt.

Arbeitsbedingungen
Nicht das Förderband ist das Problem, meint der Experte in Sachen Genuss, sondern die Bedingungen am Arbeitsplatz.
Und die, so Riess nach vielen Gesprächen mit Arbeitern und vor allem Arbeiterinnen, die am Fließband beschäftigt sind, würden oft als gar nicht so schlecht empfunden wie ihr Ruf.
„Ich bin acht Stunden dort“, lautet der Tenor, „und führe Gespräche mit Kolleginnen oder hänge meinen Gedanken nach. Dann gehe ich nach Hause, habe mich aber nicht an die Firma verkauft.“

Muss Arbeit Sinn am laufenden Band produzieren? Es geht nicht um das Fließband, wie gesagt.
„Es geht um die Würde am Arbeitsplatz: Wie ist die Unternehmenskultur, wie oft gibt es Pausen? Welcher Druck entsteht durch bestimmte Leistungsvorgaben?“

Über solche Fragen, meint Riess, ohne das hohe Lied auf Fließbandarbeit singen zu wollen, müsse man diskutieren. Immerhin, so muss erwähnt werden, konnte in der Süßwarenindustrie ein Mindestbruttolohn von 1.500 EUR erreicht werden.

Eine Sache ist das Fließband, eine andere die der Monotonie. „Monotonie kann auch im Gewerbe sein“, sagt der ehemalige Zuckerbäcker. „Man kreiert auch nicht jeden Tag eine neue Topfenkolatsche.“

In der Nahrungsmittelindustrie wird auch die klassische Förderbandproduktion zunehmend von Industrierobotern übernommen. Was früher händisch erledigt wurde, ist heute zu einer Kontrolltätigkeit geworden.

Ausgenommen einige „klassische Arbeiten“, wie etwa das Einlegen von Essiggurken und Pfefferonis, die sich (noch?) einer Normierung entziehen. „Der Produktionsablauf hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert“, berichtet Gerhard Riess.
In einem Projekt der Gewerkschaft mit den Arbeitgebern sollen die Arbeitsbedingungen weiter verbessert werden.

Etwa durch leichteres Verpackungsmaterial und Erleichterung der Bewegungsabläufe und Hebevorrichtungen.
Die Ernährungsindustrie ist bekanntlich ein der Landwirtschaft nachgelagerter Wirtschaftszweig.

Zwischen industriellen und handwerklichen bzw. gewerblichen Unternehmen wird seltener nach dem Herstellungsverfahren, als nach der Zahl der MitarbeiterInnen unterschieden.
In dieser Hinsicht gibt es in Österreich vorrangig Gewerbe- und weniger Industriebetriebe: 2009 waren 5.884 Betriebe mit durchschnittlich sechs (und insgesamt 37.000) Beschäftigten registriert. (Um 41 Prozent weniger Beschäftigte als 1990).

Europaweit 650 Nahrungskonzerne
2009 gab es nur 219 Industriebetriebe mit durchschnittlich 121 Beschäftigten (um 32 Prozent weniger als 1990) in Österreich. Zwölf dieser Unternehmen sind multinationale Konzerne mit insgesamt 4.300 Beschäftigten (um 2.550 weniger als 1990).
Europaweit sind 650 Großkonzerne in der Nahrungsmittelindustrie tätig. Sie beschäftigen, bei einem Gesamtumsatz von 52 Prozent, rund 37 Prozent aller Arbeitnehmenden.

„Die Nahrungskette ist inzwischen so weit rationalisiert und industrialisiert, dass sich in der Herstellung kaum noch sparen lässt. Die essbaren Rohstoffe sind bekannt und werden lediglich variiert“, berichtet die PRO-GE-Broschüre.

Kraft Foods gehört zu den ersten, die sich an die Tatsache angepasst haben, dass der Mensch kein unbegrenzt füllbarer Behälter ist.
Der Produzent von Milka, Philadelphia & Co. will mit kleineren Packungsgrößen den Umsatz erhöhen.

Die Idealisierung von Nahrung, (angeblich) gesunden oder nunmehr sogar heilenden oder zumindest Cholesterin senkenden Lebensmitteln spiele den Konzernen in die Hände, meint Gerhard Riess. „Die können natürlich besser behaupten, dass ihr Joghurtdrink in der kleinen Flasche gut für den Darm ist. In Wahrheit ist er nur durch gentechnisch veränderte Mikroorganismen angereichert.“

Seit etwa 30 Jahren wisse jeder Durchschnittsmensch, dass Joghurt gesund ist. Die „esoterische Ebene“ der Werbung, die Heilung und Glück verspricht und der Glaube an das Placebo zeigen durchaus Kaufwirkung.

Multis wissen durch Trendscouts und Marktforschung Jahre im Voraus, in welche Richtungen sich Gesellschaften entwickeln. Noch ehe etwa das Haustier seine heutige Bedeutung als Familienmitglied erlangte, hatte der US-Konzern Mars Kleintierfutterfabriken Europas aufgekauft.

Problem Panik und Angst
Das Problem ist also nicht das Fließband, wiederholt Riess. Ein Problem sei auch die Panik und Angst. Ein Lebensmittelskandal jagt den nächsten, der Kult um Gesundheit und die Frage um gesunde oder schädliche Ernährung verunsichern die Konsumentschaft.

Die Furcht vor Bakterien und Viren spielt bereits jetzt eine tragende Rolle in der Produktion.
Gerhard Riess: „Jeder Lebensmittelskandal macht die Großen größer und bringt die kleinen Betriebe um.“

Dramatisch sei auch der Trend zur Produktion „im Reinraum“, wo MitarbeiterInnen mit Mundschutz in keimfreier Umgebung tätig sind. Diese Lebensmittel sind länger frisch und somit leichter in Europa zu vermarkten.
Aus Sicht der Konzerne sind weitere Gewinne in erster Linie über Unternehmenskonzentrationen, billigere Rohstoffe und Produktionstechnologien (Enzymatik, Fermentologie, Gentechnik), aber auch Nischenprodukte wie Bio-Lebensmittel zu holen.

„Dies führt zu einer Polarisierung: einerseits einem massiven Anstieg industriell gefertigter Massen ware, und andererseits einem Anstieg qualitativ hochwertiger Lebensmittel, wie Bio-Ware“, prognostizieren die AutorInnen der PRO-GE-Studie.

Es gebe wichtigere Fragen als Fließbandproduktion, meint Riess. (Auch in der Bioproduktion wird automatisierte Verarbeitung angewendet.) Warum etwa sperren in Europa Zuckerfabriken zu, während Zucker aus Brasilien importiert wird?

Insgesamt vertreten die Gewerkschaften die Position, dass der radikalen Transformation der Lebensmittelproduktion durch ebenso radikale soziale, ökologische und konsumentenpolitische Erneuerung begegnet werden muss. Dazu gehört auch die schrittweise Transformation der industriellen in die ökologische Lebensmittelproduktion.

Arbeit&Wirtschaft 07-08/2011
Von Gabriele Müller
15.07.2011

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