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Guter Rat ist teuer

In BR-Info, GPA Info, Info, Pressemitteilung on Sonntag, 27. Juni 2010 at 19:35

Die Kunden erwarten gute Beratung, doch die Handelsangestellten bekommen derzeit kaum Weiterbildung.
Dabei ist die Investition in das Wissen eine Investition in die Zukunft.

Früher war es relativ einfach:
Anhand weniger Kriterien konnte eine VerkäuferIn Qualität erkennen. So konnte sie die Preisunterschiede zwischen zwei Waren Kunden recht einfach erklären.
Heute ist das ohne Schulung kaum machbar.

So sind z. B. Zutatenlisten im Lebensmittelhandel keine grosse Hilfe – denn weder die Zutaten noch die Verfahren bei der Verarbeitung lassen sich leicht deuten.

In diesem Wirrwarr brauchen die Kunden gute Beratung. „Die Frage ist, wohin der Handel will und wie er die Konsumenten sieht. Geht es weiterhin vor allem um die niedrigsten Preise oder lernt die Branche, dass sich Umsatz durch Beratung und Betreuung der Kunden erzielen lässt“, stellt Manfred Wolf, GPA-djp-Sekretär im Wirtschaftbereich Handel, die entscheidende Frage.

Wunsch und Wirklichkeit
Bei einer internationalen Konferenz der GPA-djp im April 2010 in Wien diskutierten Gewerkschafter, Personalisten und Arbeitgeber die Perspektiven und den Bedarf an Weiterbildung im Handel in Mitteleuropa.

Die Teilnehmer waren sich einig:
Ohne regelmässige Schulung der Mitarbeiter ist fundierte Beratung nur Wunschdenken. Aber Aus- und Weiterbildung gibt’s vor allem für Lehrlinge und für einen kleinen Teil der Belegschaft, der als potenzielles Führungspersonal gilt.
Kaum Chancen auf Weiterbildung neben dem Beruf haben jedoch vor allem die Frauen. „Der Handel ist nicht nur europaweit der grösste Arbeitgeber, er ist auch eine Frauenbranche.

Die Verbesserung der Aus- und Weiterbildung im Handel hätte eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Beschätigtenzur Folge“, weiss Dwora Stein, Bundesgeschäftsführerin der GPA-djp.

Die typische Angestellte im Handel ist weiblich. Sie hat Kinder, ist oft sogar Alleinerzieherin. Sie bekommt nicht immer, was ihr zusteht, und muss doch an ihrem Job festhalten, sogar fürchten, ihn zu verlieren. Von einer Karriere träumt sie nicht.

Dwora Stein fordert deshalb: „Weiterbildung ist ein Schritt in Richtung Gleichstellung und Karrierechancen für Frauen. Weiterbildung im Handel ist gelebte Gleichstellungspolitik.“
Neben den Frauen bilden auch Beschäftigte mit Migrationshintergrund ein grosses Potenzial, das nicht ausreichend gefördert wird.

Bündel an Qualifikationen
„Es gibt ein breites Bündel an zukunftsfähigen Qualifikationen. Dazu gehört etwa die IT, ebenso Lust und Freude im Umgang mit Kunden und Interesse, das Sortiment immer wieder neu zu gestalten“, umreisst Wilfried Malcher vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels die Weiterbildungsaufgaben.
Auch Malcher ist überzeugt: Es wird immer wichtiger, die Mitarbeiter zu schulen.

Ondrej Hudi von der Tschechischen Handelsgewerkschaft SOCR erarbeitet zurzeit die Ausbildungsstandards in der Kundenberatung und in der Warenkunde. Im tschechischen Handel arbeiten rund 250.000 Menschen.
„Wir schulen auch die soziale Kompetenz im Konfliktmanagement oder im Verkaufsgespräch“, erklärt Hudi. Allerdings werden die staatlichen Bildungseinrichtungen noch nicht allzu häufig besucht, denn oft wird in osteuropäischen Staaten innerhalb der Unternehmen ausgebildet.

Offizielle Zeugnisse gibt es keine, die Qualifikation der MitarbeiterInnen wird ausserhalb des Beschäftigungsbetriebes nicht anerkannt. Eine Standardisierung soll den Beschäftigten auch allgemein anerkannte Bildungschancen bieten, damit der Wechsel in andere Betriebe und Sparten leichter fällt.

Zukunft steigert Ansprüche
Der technische Fortschritt, wie z. B. Selbstscanning an der Kasse, wird zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führen. Andererseits steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung:
Ältere Kunden erwarten ein Mehr an Beratung.

Manfred Wolf: „Immer stärker wird von den Mitarbeitern soziale Kompetenz und auch ein hohes Mass an Produktkenntnissen gefordert sein.
Der Fachverkäufer wird immer wichtiger, er wird zu einer Art Produkt-Scout.“ Fragen wie „Ist mein Weckerl gentechnikfrei?“ oder
„Welche Allergien kann ein Produkt auslösen?“ sollten schnell und präzise beantwortet werden können.

Weiterbildung, aber wann?
Bei den oft weit auseinander liegenden oder unregelmässigen Arbeitszeiten stellt sich die Frage, wann sich die Handelsangestellten weiterbilden können. Am Samstag bis 18 Uhr arbeiten und dann am Sonntag noch ein Seminar besuchen?

Franz Georg Brantner, Chefverhandler für den Handel in der GPA-djp: „Wenn eine Angestellte im Handel bis 19 oder gar 20 Uhr arbeitet, so ist es für sie nicht möglich, danach noch an Bildungsmassnahmen teilzunehmen. Weiterbildung muss in der Arbeitszeit stattfinden können.“

Deshalb fordert Brantner den Sozialpartner, die WKÖ, auf, in einen Bildungsdialog zu treten, um endlich die dringend notwendigen Bildungsstandards festzulegen. Die Bundesgeschäftsführerin der GPA-djp, Dwora Stein, fordert ausserdem Investitionen: „Wir bentigen mehr finanzielle Mittel für die Bildung, wir brauchen aber auch ein Angebot, das auf die besonderen Bedürfnisse der Frauen Rücksicht nimmt und ihnen Karrieremöglichkeiten
eröffnet. “

Kompetenz 4/2010
Von Christian Resei

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