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Diversität macht Schule?

In AK Info, ÖGB Info, Info, Pressemitteilung on Montag, 24. Mai 2010 at 6:00

Auch im Wiener Schulsystem könnte ein hoher Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund eine große Bereicherung darstellen.

Sprachliche und kulturelle Diversität bringt Österreich viele Vorteile. Zusätzliche Kulturen und Sprachen tragen zur Vielfalt der österreichischen kulturellen Landschaft bei und sind eine wichtige Ressource für Wirtschaft und Gesellschaft.

Übertragen auf das Wiener Schulsystem könnte auch dort ein hoher Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund eine große Bereicherung darstellen. Es scheint jedoch, als würde die Entwicklung nicht in Richtung von mehr Diversität gehen, sondern in Richtung einer Zwei-Klassen-Schule. In Richtung separater „AusländerInnenschulen“ und „ÖsterreicherInnenschulen“.
Hauptschule, Kooperative Mittelschule und Poly für die Kids mit Migrationshintergrund, AHS, BHS und weitere höhere Ausbildungswege vor allem für die „waschechten ÖsterreicherInnen“.

Die Krux im Kindergarten
Mit der Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres sind nun auch mehr Kinder nicht-deutscher Muttersprache in den Kindergärten gelandet. Eine vorteilhafte Sache, bedenkt man, dass in Österreich eine erfolgreiche Schulkarriere nur denjenigen möglich ist, die des Deutschen perfekt mächtig sind. Leider sind die Kindergartenpädagogen/-innen mit der neuen Aufgabe teilweise sehr gefordert – wenn nicht überfordert.

So viele Sprachen, so viele Kulturen, so viele Kinder mit wenig Deutschkenntnissen. Eine große Hilfe wäre da, wenn die BetreuerInnen selber einige dieser Sprachen sprechen würden. Doch leider, sind die meisten von ihnen weder selbst bilingual, noch haben sie eine der gefragten Sprachen wie Türkisch, Arabisch oder Serbokroatisch gelernt.

Nachbarschaftssprachen fehlen
Ein Teufelskreis, denn weder werden Schulen für Kindergartenpädagogik, die in den BHS-Bereich fallen, von vielen SchülerInnen mit Migrationshintergrund bewältigt oder überhaupt nur angedacht noch sind sogenannte „Nachbarschaftssprachen“ in den österreichischen Lehrplänen vorgesehen, obwohl gerade diese als erstrebenswerte Fremdsprachen vor allem für Pädagogen/-innen (egal ob Schule oder Kindergarten) wichtig wären.
Geduldig schreibt Djamila alle Namen in arabischen Buchstaben. Manches ist gar nicht so leicht zu schreiben, denn manche Laute gibt es im Arabischen gar nicht. Dennoch gibt sie sich Mühe. Sie schreibt: Theresa, Marlene, Beatrice und noch viele mehr – und auf einmal sind alle interessiert an ihr – fragen, kopieren die Buchstaben – wollen noch mehr in arabischer Schrift geschrieben sehen und hören, wie die Wörter klingen.

Djamila tut, was die anderen von ihr erwarten. Zumindest steht sie jetzt einmal im Mittelpunkt des Interesses. Das ist normalerweise ganz anders. Sie ist eine von nur zwei muslimischen Schülerinnen in ihrer Klasse und die einzige Schülerin, die ein Kopftuch trägt. Die beiden muslimischen Mädchen sind Freundinnen, obwohl eine aus Ägypten und die andere aus der Türkei stammen – hier funktioniert die interkulturelle Verständigung perfekt. Im Rest der Klasse sind beide allerdings eigentlich nicht integriert.

Man sieht die beiden immer zusammen – aber selten mit anderen SchulkollegInnen. Aber am Ende ihres Englischreferates über Ägypten – und nachdem sie ein Gericht zum Verkosten herumgereicht hat, das zwar arabisch, aber dem türkischen Baklava auf köstliche Weise ähnlich ist, steht sie endlich im Mittelpunkt des Interesses. Das Interesse an „Diversity“ und Vielfalt, an (noch) Neuem, (noch) Fremdem und somit auch Spannendem wäre also durchaus gegeben – doch wie umsetzen?
Schulen für Privilegierte
Ich bin Englischlehrerin an einer Wiener BHS, einer katholischen Privatschule. Viele unserer Kinder/Jugendlichen entstammen finanziell gut gestellten, privilegierten Elternhäusern. Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in unserer Schule ist gering – wahrscheinlich spielt das nicht eben geringe Schulgeld hier eine Rolle.

MigrantInnen gehören nun einmal selten in die Gruppe der in Österreich Privilegierten. In jeder Klasse findet sich nur eine Handvoll SchülerInnen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch. Zumindest von sprachlicher Diversität in unserer Schule kann man dennoch sprechen. Wir haben trotz allem ungefähr 20-30 verschiedene Muttersprachen in unserer Schule.

Was für eine Ressource!
 LehrerInnen mit nicht-deutscher Muttersprache gibt es allerdings keine. Nicht nur deshalb ist es schwer, in Wiener Schulen muttersprachlichen Unterricht anzubieten. Auch in den Lehrplänen ist nichts Derartiges vorgesehen. In Djamilas Fall zahlen die Eltern den privaten Arabischlehrer selber. Was bei den SchülerInnen von Privatschulen wohl eher kein so großes Problem darstellt, wäre anderswo völlig unmöglich.
Was dadurch passiert, ist sprachpädagogisch eine Katastrophe:  Die SchülerInnen werden in der eigenen Sprache nicht alphabetisiert, und das bedeutet oft auch große Probleme bei der Alphabetisierung in der Zweitsprache.

Schulen für weniger Privilegierte
Ein Trend, den es schon gibt und auf den manche Schulen schulautonom aufgesprungen sind, ist Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache (DaF/DaZ) anzubieten. Als LehrerIn für DaF/DaZ musste ich in meiner Studienzeit einige Praktika absolvieren. Eines davon führte mich in eine polytechnische Schule in einem einwanderungsstarken Bezirk Wiens.

In diese Schule gehen fast nur türkische SchülerInnen. Hier kann von sprachlicher oder kultureller Diversität kaum die Rede sein. Fast alle SchülerInnen entstammen demselben Kulturkreis.
 Es gibt zwar einige wenige SchülerInnen mit anderen migrantischen Hintergründen und auch einige wenige, die aus eingesessenen österreichischen Familien stammen. Der Großteil jedoch sind Türken/-innen erster, zweiter oder dritter Einwanderungsgeneration.

Nicht wenige dieser Jugendlichen sind in Wien geboren – obwohl es auch viele frisch Zugewanderte gibt. Dennoch wird an der Schule beinahe nur türkisch gesprochen, jedenfalls von den SchülerInnen. Der Lehrkörper weist, wie fast überall an den Schulen, kaum LehrerInnen mit anderen kulturellen Backgrounds auf. Unterrichtet wird vor allem eines: Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache.

Für allgemeinbildende Fächer bleibt daneben praktisch kein Platz. Der Zug zu einer höheren Schulbildung ist für die meisten SchülerInnen dort ohnehin längst abgefahren.
 Der Weg für zukünftige LehrerInnen mit Migrationshintergrund müsste vereinfacht werden. Die Schnittstellen und Übergänge zwischen den verschiedenen Schultypen müssen durchlässiger werden. Eine Entscheidung im Alter von zehn Jahren, darf nicht das Ende für einen möglichen höheren Bildungsweg bedeuten. Vor allem nicht, wenn nur mangelnde Sprachkenntnisse der Grund dafür sind.
 Die flächendeckende Einführung der gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen wäre ein wichtiger Schritt zur Lösung dieses Problems.

Zumindest ein Jahr eine Sprache
Österreichische LehrerInnen sollten dazu verpflichtet werden, zumindest eine sogenannte Nachbarschaftssprache für mindestens ein Jahr zu lernen. Auch wenn dadurch die Sprachkenntnisse noch lange nicht ausreichend wären, würde doch ein Gefühl für die Sprache, den kulturellen Hintergrund und Background der SprecherInnen dieser Sprachen verbessert werden.

Aus- und Fortbildung notwendig
Dieselben Regeln müssten für Kindergartenpädagogen/-innen gelten. Es müsste für diese beiden Berufsgruppen unbedingt intensive Aus- und Fortbildung in interkultureller Verständigung und Diversität geben. Dazu müssten im Schulunterricht für alle SchülerInnen diese Fächer schwerpunktmäßig und verpflichtend angeboten werden.
Ergänzend zu Französich und Spanisch sollten in der Oberstufe Türkisch, Arabisch, Tschechisch, Chinesisch, Serbokroatisch etc. angeboten werden. Derzeit gibt es diese Fächer an der Universität Wien noch nicht als Lehramtsstudien – dies müsste sich natürlich ebenfalls ändern.

Wiener Bildungsserver
Projekt Vielfalt der Kulturen

Arbeit&Wirtschaft
Von Mag. Ruth Bauer
15.04.2010

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