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Oft reicht eine Chance

In AK Info, ÖGB Info, Info, Pressemitteilung on Montag, 17. Mai 2010 at 6:00

Menschen mit migrantischem Background werden am Arbeitsmarkt oft ausgegrenzt. Dabei brauchen sie nur bessere Startbedingungen, um sich zu integrieren.

Wer die Zeitung durchblättert oder den Fernseher einschaltet, stolpert immer öfter über fremde Namen – meistens in einem negativen Zusammenhang: Ibrahim, der Schläger, Zeljko, der Betrüger, Habiba, die unterdrückte Hausfrau.

Entsprechend auch die öffentliche Wahrnehmung: zu viele MigrantInnen, zu viele Probleme.
Dass aber mit Migration und Integration auch ökonomische Chancen verbunden sind, und dass viele Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund bei uns brachliegen, wird selten erkannt.
MigrantInnen gelten weithin als Menschen, die ungebildet und kriminell sind, den Staat ausnützen, nur Probleme machen, viele Kinder in die Welt setzen und natürlich in kleinen und überfüllten Wohnungen leben. Sie sind es, die der Kronen Zeitung viele Storys zur Unterhaltung, Belehrung und Abgrenzung breiter Bevölkerungsschichten bieten.

Die GastarbeiterInnen
Da aber immer mehr BürgerInnen in Österreich multikulturelle Wurzeln haben, gewinnt das Thema Migration vor allem für den Arbeitsmarkt immer mehr an Bedeutung – obwohl es noch immer nicht eindeutig zuzuordnen ist:
Einerseits behindern nicht selten fehlende Qualifikationen oder mangelnde Kenntnis der Sprache die Integration am Arbeitsmarkt.
Andererseits stellt der Migrationshintergrund ein besonderes Potenzial dar: zusätzliche Sprachkenntnisse, die am Arbeitsmarkt genutzt werden können.

Das Erstgenannte trifft vor allem auf die Generation der „GastarbeiterInnen“ zu, die vor Jahren mit ihren Familien nach Österreich ausgewandert sind, oft als Bauarbeiter und Reinigungspersonal beschäftigt waren – und von der Bevölkerung meist akzeptiert wurden.
Der zweite Fall trifft auf die Nachkommen der „GastarbeiterInnen“ zu. Kinder, die in Österreich zur Welt gekommen sind, hier die Schule besucht haben und der deutschen Sprache mächtig sind.

Diese jungen MigrantInnen der zweiten und dritten Generation werden zu oft als Problem wahrgenommen. Einem Großteil dieser jungen Menschen wird Integrationsunwilligkeit vorgeworfen. Doch wie weit werden ihre Hoffnungen und Anstrengungen wahrgenommen? Wieso stellt ihre Herkunft, der „Migrationshintergrund“, nicht selten eine so große Barriere dar, und wieso zerplatzen so viele Träume vom sozialen Aufstieg?

Seit 1974 Dolmetsch für den ÖGB
Anstatt alle MigrantInnen als kriminell und arbeitsunwillig zu bezeichnen und in eine Schublade zu stecken, muss kulturelle Vielfalt als Chance begriffen und die Potenziale junger Menschen, die teilweise zwei oder drei Sprachen fließend sprechen, genutzt werden. Denn Vielfalt ist nicht nur etwas Wertvolles, sondern auch für die Gesellschaft sinnvoll und erforderlich.

Bereits im Jahr 1974 stellte der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) einen Dolmetscher für die bosnische, kroatische und serbische Sprache – damals noch für Serbo-Kroatisch – ein: Zdravko Spajic.
Der Kroate befand sich zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren in Wien und engagierte sich eifrig für seine Landsleute, indem er Veranstaltungen und ähnliche Treffen organisierte. Er ist mittlerweile 59 Jahre alt und seit 35 Jahren im ÖGB beschäftigt.
Er übersetzt Menschen aus Bosnien, Kroatien und Serbien schwer verständliche Schreiben und Briefe, gibt Erstauskünfte im Arbeits- und Sozialrecht und bei größeren Ungereimtheiten vermittelt er weiter zu ExpertInnen.
„In den vielen Jahren hat sich in diversen Communities bereits herumgesprochen, dass der ÖGB muttersprachliche Beratungen anbietet und viele nützen diese Angebot“, erklärt Spajic.

Oft auf sich selbst gestellt
Er sagt auch, dass vielen dieser ArbeitnehmerInnen gar nicht bewusst ist, wofür der ÖGB sich einsetzt und wie sie davon profitieren. Viele drängen in unsichere Berufe, weil sie nicht ausreichend über ihre Möglichkeiten informiert wurden. Als MigrantInnen können sie auch nicht auf die Kontakte der Eltern zurückgreifen – denn in den meisten Fällen gibt es niemanden, der eine Weiterempfehlung aussprechen kann. Sie sind auf sich selbst gestellt.

Die Mühe hat sich gelohnt
Spajic gibt ein ausgezeichnetes Beispiel für gelungene Integration. Der Kroate kam wie viele seiner Landsleute in den 70er-Jahren nach Österreich und war als Hilfsarbeiter tätig. In seiner Heimat Bosnien hatte er nichts mit der Gewerkschaftsbewegung zu tun, diese war auch nicht so populär wie in Österreich.
Trotzdem wird Spajic in seiner Arbeit und als Kollege akzeptiert. Das lässt sich schnell in Gesprächen mit Beschäftigten des ÖGB feststellen.
 Quer durch den ÖGB und die Gewerkschaften ist sein Name der erste, der KollegInnen auf die Frage nach Beschäftigten mit Migrationshintergrund einfällt: „Unser Zdravko, zu ihm kannst du immer gehen.“
Probleme im Umgang mit den KollegInnen aufgrund seiner Herkunft kennt er keine, zu seinen Freunden zählen sowohl Österreicher als auch Kroaten und Bosnier: „In zwei Kulturen aufzuwachsen ist eine Chance, die genützt werden sollte. Auch ich habe Weiterbildungskurse besucht, aber die Mühe hat sich gelohnt – für mich persönlich, aber auch für all jene, denen ich täglich helfen kann.“
Der ÖGB hat nicht nur Mitglieder, sondern auch etliche MitarbeiterInnen aus fremden Ländern. Die Mehrheit der Beschäftigten mit Migrationshintergrund stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei.

Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass die meisten als Reinigungskräfte beschäftigt sind. Viele MigrantInnen hatten in ihrer Heimat eine gute Ausbildung, aber oft wird ihnen die Chance verwehrt, ihr Können und Wissen unter Beweis zu stellen. Oder sie bekommen nicht die Möglichkeit, sich am Arbeitsmarkt zu integrieren, weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschen. Im ÖGB kennt man auch solche Probleme. „Vor einiger Zeit hatten wir eine neue Kollegin, die anfangs fast kein Wort Deutsch sprach. Wir stellten ihr wen zur Seite, der sie in ihrer Muttersprache einschulte. Mittlerweile versteht sie sehr viel und kann ihre Arbeit ohne weitere Probleme erledigen. Viele brauchen einfach nur eine Chance“, erklärt eine Kollegin aus der Personalabteilung.

Mutter Türkin, Vater Kurde
Viele junge MigrantInnen fühlen sich mittlerweile als ÖsterreicherInnen, verstehen fremdenfeindliche Aussagen nicht. „Meine Mutter ist Türkin, mein Vater Kurde, ich fühle mich beiden Gesellschaften zugehörig. Gleichzeitig bin ich aber auch geborene Wienerin, schwebe zwischen mehreren Gesellschaften hin und her, ich bin multiflexibel“, sagt Canan Aytekin, die seit 2004 bei der Gewerkschaft vida als Rechtsreferentin arbeitet.

Die 33-Jährige berät Mitglieder, klagt ihre Ansprüche vor Gericht ein und vertritt diese dort. Nicht selten hört sie Sätze wie „Ich möchte eine österreichische Kollegin, die mich berät“. Aytekin kann darüber nur den Kopf schütteln.
 In Österreich wird sie wegen ihres Namens und in der Türkei wegen ihrer Tätigkeit schief angeschaut.
Trotz allem glaubt die junge Frau, die mittlerweile genauso gerne Schnitzel wie Kebab isst, dass eine multikulturelle Gesellschaft Vorteile bringt – so lange Menschen sich gegenseitig tolerieren und respektieren. Denn viele MigrantInnen finden im Laufe der Zeit einen Mittelweg, mit beiden Kulturen zurecht zu kommen.

Mein Sohn soll es leichter haben
Durch Diskriminierung und Ausgrenzung wird dieser Prozess nur erschwert und trägt wenig zur Integration bei. Nach der Geburt ihres Sohnes entschied sich Aytekin bewusst, ihrem Sohn einen internationalen Namen zu geben. „Ausländerfeindliche Kommentare von meinen KollegInnen gab es nie, und ich fühle ich mich nicht ausgegrenzt, aber ich heiße eben ‚Canan‘ und mein Sohn soll es auch am Telefon leichter haben als ich.“

Arbeit&Wirtschaft 04/2010
Von Amela Muratović
15.04.2010

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