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Armut trotz Arbeit

In AK Info, BR-Info, Info am Montag, 16. Januar 2012 um 12:25

Working Poor in Österreich

Armut trotz Arbeit, das ist leider kein Randgruppenproblem in Österreich. Die neueste Untersuchung von Statistik Austria, im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK) belegt, dass im Jahr 2010 hierzulande 206.000 Personen, oder 5,5% der Erwerbstätigen als Working Poor galten.

Wussten Sie, dass…

  • es österreichweit über 200.000 Working Poor gibt, Menschen, die trotz Erwerbsarbeit armutsgefährdet sind?
  • der Rückgang der Zahl der Working Poor in den letzten Jahren daher rührt, dass viele von ihnen aufgrund der Wirtschaftskrise ihre Arbeit verloren haben?
  • fast 90.000 Working Poor ganzjährig vollzeitbeschäftigt sind?
  • jede fünfte (20%) alleinerziehende Frau mit ihrer Familie trotz Erwerbsarbeit armutsgefährdet ist?
  • Personen mit Pflichtschulabschluss fast dreimal so oft (11%) zur Gruppe der Working Poor zählen wie Personen mit Hochschulabschluss (4%)?

Working Poor sind Menschen, die trotzdem sie erwerbsstätig sind unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle leben. 112.000, oder 54% davon sind Männer, 94.000, oder 46% Frauen.

Selbstverständlich sind davon jedoch nicht nur die jeweils Erwerbstätigen selbst, sondern auch ihre Familien betroffen. Das bedeutet, dass insgesamt 462.000 Personen selbst zu dieser Gruppe zählen, oder in armutsgefährdeten Haushalten leben, in denen zumindest eine Person beschäftigt ist. Nur 26% der Working Poor leben alleine.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Working Poor in Österreich relativ stark zurückgegangen. So galten in den Jahren 2008 und 2009 noch 247.000 beziehungsweise 241.000 Personen als arm trotz Erwerbsarbeit. Der Rückgang von 35.000 Personen zwischen 2009 und 2010 ist jedoch leider kein Grund zur Freude.
Denn, wie Statistik Austria ausführt, ist der Rückgang hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass viele Working Poor im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise aus dem Arbeitsmarkt gedrängt worden sind.

So wurden aus armutsgefährdeten Personen mit einer Beschäftigung sehr oft welche ohne eine solche – ohne dass sich dadurch für die Betroffenen etwas verbessert hätte.

Gründe für Armut trotz Arbeit
Armut trotz Arbeit hat viele Gründe. Neben Personen, die in Branchen arbeiten, in denen niedrige Stundenlöhne bezahlt werden sind auch Menschen betroffen, die z.B. aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten, nur Teilzeit arbeiten können (AlleinerziehnerInnen mit Kindern, für die es keine ausreichende Kinderbetreuung gibt), oder auch Menschen, die als AlleinerverdienerInnen eine große Familie ernähren müssen.

Nicht alle Menschen, die ein niedriges Einkommen haben, sind Working Poor. Viele Personen arbeiten Teilzeit oder geringfügig ohne betroffen zu sein. Das sind meist Fälle, in denen die Betroffenen ein zusätzliches Einkommen zu jenem des oder der HauptverdienerIn schaffen. Da sich der Begriff Working Poor immer nur dort zutrifft, wo das Gesamteinkommen Haushalts unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt, zählen solche WenigverdienerInnen daher nicht.

Vollzeit oder Teilzeit?
Working Poor können sowohl vollzeit- als auch teilzeitbeschäftigt sein. Man kann sie auch danach unterscheiden ob sie mindestens 11 Monate im Jahr gearbeitet haben (ganzjährig beschäftigt) oder nicht (nicht ganzjährig beschäftigt).
Im Jahr 2009 war der größte Teil der Working Poor das gesamte Jahr über vollzeitbeschäftigt (89.000 Personen, oder 43% aller Betroffenen). 18% waren ganzjährig teilzeitbeschäftigt und 38% waren nicht das ganze Jahr über in Beschäftigung.

Alleinerzieherinnen sind besonders betroffen
Während der Anteil der Working Poor an allen Beschäftigten 5,5% ausmacht, das bedeutet, dass etwa jeder und jede 20. Erwerbstätige betroffen ist, ist es bei den alleinerziehenden Frauen jede 5 (20%). Gerade hier wirken sich sehr oft die fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten negativ aus.

Ausbildung und Herkunft
Während 11% der Beschäftigten mit Pflichtschulabschluss armutsgefährdet sind, sind es bei den HochschulabsolventInnen nur 4%. Fast drei Viertel der Working Poor (73%) haben keine Matura. 19% sind Selbständige, fast ein Drittel (31%) der Betroffenen verrichtet Hilfsarbeiten. Menschen, in Bereichen mit hochqualifizierten Tätigkeiten sind fast gar nicht von Armutsgefährdung betroffen.

Mehr als ein Viertel der armutsgefährdeten Erwerbstätigen hat keine österreichische Staatsbürgerschaft (26%), obwohl diese Gruppe nur 10% der Beschäftigten ausmacht. Die Chance, dass eine Person mit Nicht-EU-Staatsbürgerschaft ein Working Poor ist, ist dreimal so hoch wie bei österreichischen StaatsbürgerInnen.

Zu Definition und Datenlage
Die Ermittlung der Anzahl und der Einkommenssituation der Working Poor erfolgt über EU-SILC, eine seit 2003 jährlich stattfindende repräsentative Befragung der Statistik Austria, im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK). Die Daten sind EU-weit vergleichbar und zudem die einzige Datenquelle in Österreich, die Auskunft über die finanzielle Situation von Hauhalten (und nicht nur von Einzelpersonen) bietet. Die Befragungsergebnisse werden durch eine Hochrechnung auf die Gesamtbevölkerung übertragen.

Die Arbeiterkammer setzt sich ein für

  • die Verringerung der Zahl der Working Poor durch Löhne und Gehälter die jeder und jedem ein menschenwürdiges Leben ermöglichen,
  • soziale sowie rechtliche Absicherung der Beschäftigten,
  • die Schaffung von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, da viele Working Poor schlecht bezahlte Hilfsarbeiten verrichten,
  • die Schaffung besserer Erwerbschancen für alleinerziehende Mütter bzw. Väter durch Ausbau des Kinderbetreuungsangebots,
  • den Ausbau sozialer Dienstleistungen, insbesondere Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsleistungen für armutsgefährdete Gruppen.

Glossar
Working Poor
In der hier verwendeten Definition (nach EU –SILC) gelten Personen im Erwerbsalter (20-64 Jahre) als Working Poor, die armutsgefährdet sind und im Verlauf des Referenzjahres zumindest ein Monat Vollzeit- oder Teilzeit erwerbstätig waren.

Armutsgefährdung
Als armutsgefährdet gilt demnach wer weniger als 60% des Medianeinkommens aller vergleichbaren Personen zur Verfügung hat (ungleich dem Durchschnittseinkommen). Diese Definition beinhaltet nicht nur Einkommen aus Erwerbsarbeit, sondern auch alle anderen „Einkommen“, die eine Person bezieht, z.B. Arbeitslosengeld, Wohnbeihilfe oder eine Pension.

Armutsgefährdungsschwelle
Die Armutsgefährdungsschwelle, jener Betrag den man zur Verfügung haben muss um nicht als armutsgefährdet zu gelten, betrug 2010 12.371€ im Jahr, oder 1.031€ pro Monat.

AK Wien | Sozial- und Wirtschaftsstatistik aktuell
Ausgabe 1/2012

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