Die Expansion von Supermarkt-Riesen wie Metro und Wal-Mart in Indien bedroht einer Studie zufolge auf dem Subkontinent Millionen von Jobs.
Straßenhändler, kleine Ladenbesitzer und auch Kleinbauern würden von den Supermarktketten in den Ruin gedrängt, erklärte die Hilfsorganisation Oxfam bei der Vorstellung der Studie „Zur Kasse bitte“.
Im indischen Einzelhandel arbeiten laut Oxfam etwa 35 Millionen Menschen. Nur ein Prozent aller Lebensmittel werde derzeit in Supermärkten gekauft. Der Eintritt der Handelsketten, zu denen neben dem US-Giganten Wal-Mart und der deutschen Metro auch Carrefour aus Frankreich und die britische Tesco zählen, werde deshalb weitreichende soziale Folgen haben. Bevorzugte Vertragspartner der Ketten seien mittlere und größere landwirtschaftliche Betriebe.
Der Direktor des regierungsunabhängigen Verbandes India FDI Watch, Dharmendra Kumar, befürchtet, dass Einzelhandel und Landwirtschaft als die beiden beschäftigungsintensivsten Sektoren in Indien durch die Expansion der Supermarkt-Ketten „völlig umgekrempelt“ werden. „Bäuerinnen und Arbeiter, Verkäufer und Ladenbesitzerinnen, genossenschaftliche Läden und Verarbeiter, sie alle wären unmittelbar negativ betroffen“, sagte Kumar.
Verhandlung über Freihandelsabkommen
India FDI Watch ist ein Bündnis aus Gewerkschaften, Berufsverbänden und Nichtregierungsorganisationen, das gegen die Liberalisierung ausländischer Direktinvestitionen in Indien kämpft. Diese ist Oxfam zufolge auch ein Streitpunkt in den laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, die am Freitag in Neu-Delhi fortgesetzt werden.
„Das vorgeschlagene Abkommen würde die Möglichkeit der indischen Regierung, Handel und Investitionen entwicklungsfreundlich zu gestalten, erheblich einschränken“, warnte David Hachfeld, Oxfam-Referent für europäische Handelpolitik. Oxfam fordere einen Stopp der Gespräche, bis die Verhandlungstexte öffentlich sind und sichergestellt ist, „dass das Abkommen eine sozial und ökologische nachhaltige Entwicklung in Indien nicht behindert“.
Metro ist seit 2003 auf dem Subkontinent aktiv und betreibt mittlerweile nach eigenen Angaben sechs Cash & Carry-Großmärkte in Bangalore, Mumbai, Kalkutta und Hyderabad. „Der indische Markt hat große Bedeutung für uns“, sagte ein Metro-Sprecher. Kunden der Großmärkte seien vor allem Hotels, Restaurants, Caterer und Tante-Emma-Läden, sogenannte Kiranas.
Metro sehe sich als enger Partner der heimischen Produzenten, wozu auch Kleinbauern gehörten, betonte der Unternehmenssprecher. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG) habe Metro bereits 40.000 Farmer und Fischer geschult und ihnen vemittelt, „wie sie die Qualität ihrer Produkte und den Output“ steigern können. Auch für die Betreiber von Tante-Emma-Läden, die größte Kundengruppe von Metro, plane der Konzern Weiterbildungsprogramme, in denen es beispielsweise um Marketingfragen und Preisgestaltung gehe.
Ohne Chance auf liberalisierten Märkten
Laut Oxfam-Expertin Marita Wiggerthale ist das Engagement allerdings nur dem Umstand geschuldet, dass Metro zurzeit in einigen Bundesstaaten noch rechtlich gehalten sei, über Zwischenhändler einzukaufen, die auch von Kleinbauern beliefert werden. Diese regulierten Märkte seien Metro und Co. aber ein Dorn im Auge.
In mehreren Regionen des Subkontintents sind die Supermarktketten laut Wiggerthale bereits frei, mit Bauern direkt Verträge abzuschließen. „Dabei kommen dann meist mittlere und große landwirtschaftliche Betrieb zum Zuge“, sagte Wiggerthale der Frankfurter Rundschau. Auch in anderen Schwellenländern hätten die Erfahrungen gezeigt, „dass Kleinbauern auf liberalisierten Märkten keine Chance mehr haben“.
Auch die Verkaufspolitik der Supermarktketten sieht die Oxfam-Expertin skeptisch. Tatsächlich dürften die Großmärkte eigentlich nur mit Firmenkunden Geschäfte machen. „Metro aber verteilt die Business Card sehr großzügig und kontrolliert nicht strikt, ob da ein Geschäfts- oder ein Privatmann einkauft“, sagte Wiggerthale. Das schade letztlich den indischen Tante-Emma-Läden.
fr-online
Von Tobias Schwab
03.11.2009




