Russland ist einer der letzten großen Wachstumsbringer für Metrochef Eckhard Cordes. Soll sein Konzernumbau gelingen, braucht er hier weiterhin Gewinne. Doch nun erreicht die Krise auch Russland. Jetzt wird sich zeigen, ob die Milliarden der Metro in Russland wirklich gut angelegt sind. Dem Konzern steht ein Härtetest bevor.
NOWOKUSNEZK. Boris Anischenko kurbelt am Steuerrad, 520 PS wuchten den 40-Tonner vom Standstreifen wieder auf die Fahrbahn. Als die Reifen quer über die tiefen Rillen auf der Straße hoppeln, hüpft das Führerhaus auf und nieder. Dann ist die letzte der fünf Achsen in die Furche gerutscht, die Tausende Reifen in den gefrorenen Schnee auf dem Asphalt geschnitzt haben, Anischenko gibt Gas. Noch 20 Kilometer bis Nowokusnezk, dem Ziel seiner 4 000-Kilometer-Tour für Eckhard Cordes von Moskau nach Sibirien.
Draußen sind es minus 20 Grad, ein warmer Wintertag. Zwischen den Achsen des Lasters pappen Klumpen aus Schnee, Eis und Dreck. Anischenkos hellblaue Augen kleben auf der Buckelpiste voraus. Seit sechs Tagen ist er unterwegs. Über den Ural, den schönsten Teil der Strecke. Dort oben in den Bergen, da schneite es so stark, dass er die Straße kaum noch sah. Minus 50 Grad ist es dort manchmal, da kann das Motoröl gefrieren. Die 1 500 Kilometer durch die Birkenwälder der Taiga liefen viel besser.
Pünktlich wird Anischenko das Ketchup Marke Heinz, die Europaletten voll Dosengemüse und die Bürostühle hinten im Laderaum im neuen Großmarkt von Metro Cash & Carry am Ufer des Tom in Nowokusnezk abliefern. Die Lieferkette hält. Wieder ein kleiner Erfolg für den deutschen Handelskonzern im Kampf gegen die Widrigkeiten des russischen Marktes.
Eckhard Cordes darf sich freuen.
Der Metrochef kann die Erfolge zwischen Moskau und Nowokusnezk gut gebrauchen. In keinem anderen Land hat die Metro so viel investiert, in kaum einem Land sind die Erträge steiler gestiegen. Die hohen Gewinne östlich und westlich des Urals ließen manchen vergessen, dass das Cash & Carry-Geschäft – SB-Großhandel für Profi-Kunden wie die Betreiber von Kiosks, Tankstellen, Hotels oder Restaurants – in Stammmärkten wie Deutschland oder Frankreich schon seit Jahren immer weniger einbringt.
Härtetest in Sibirien
Doch nun hat die Weltwirtschaftskrise auch Russland erreicht. Zwischen Moskau und Nowokusnezk geht es für Cordes um mehr als nur ein Land von insgesamt 29, von Marokko bis Pakistan, in denen sein Konzern 658 Großmärkte betreibt. Ob die Gewinne in Osteuropa dem Metro-Vorstandschef auch weiterhin Luft für seinen Konzernumbau verschaffen, wird die Bilanz zeigen, die Cordes am Dienstag vorlegt.
Um sich voll auf die Baustelle Metro zu konzentrieren, hat er sich jüngst entschieden, den Chefposten bei Mehrheitsaktionär Haniel abzugeben. „Vom Kopf auf die Füße“ will er die Metro stellen. Einkauf und Logistik der Sparten trennt er, 15 000 Stellen streicht er. Das Konzernergebnis soll bis 2012 um 1,5 Milliarden Euro zulegen. Analysten halten das für überaus ambitioniert.
Umso mehr muss Eckhard Cordes hoffen, dass seine Mitarbeiter im russischen Metro-Reich weiterhin Gewinne einfahren – Fahrer, Marktleiter, Regionalleiter, Geschäftsführer.
Doch die Krise macht ihren Job schwieriger. Ohnehin ist Russland für Handelskonzerne eigentlich ein Alptraum. Die Logistik, die Lieferanten, die Bürokratie, das Wetter: alles kompliziert, extrem und teuer. Nun muss sich zeigen, ob die Milliarden der Metro in Russland wirklich gut angelegt sind.
Härtetest in Sibirien, in Nowokusnezk, vier Zeitzonen östlich von Moskau. Sergej Gorda zupft die Manschetten unter den Sakkoärmeln hervor, stößt die Tür seines Büros auf und macht sich auf den Weg. Strammen Schritts vorbei an der Fischabteilung mit dem Tank, in dem ein Dutzend armlanger Störe umeinander wuseln, und an den 15 Kühltruhen-Meter, die Pelmeni feilbieten, Teigtaschen, mit Fleisch gefüllt, Russlands Nationalgericht. Rein ins Lager, wo Fahrer Anischenko die Ladung löscht.
Gorda nickt knapp. Die stoppeligen, blonden Haare und die gedrungene Statur verleihen dem Marktleiter militärische Autorität. Er inspiziert die Paletten. Alles da? Irgendwas beschädigt? Nein? Gut. Er macht kehrt.
In seinem Büro hängt der Bauplan seines Marktes: Modell „Junior“, Grundfläche 105 mal 98 Meter, Verkaufsfläche 8 000 Quadratmeter, so groß ist ein Fußballplatz. Handelskonzerne exportieren ihr Ladendesign von Land zu Land gern eins zu eins, das spart viel Geld. In Russland funktioniert das nur in Maßen.
Die Doppel-T-Träger unter dem Dach sind viel dicker als daheim: 300 Kilo Schnee pro Quadratmeter müssen sie tragen, dreimal mehr als in Bayern. 90 Minuten sollen die Säulen, die das Dach halten, einem Feuer widerstehen.
15 Minuten würden reichen, um den Markt zu evakuieren, aber die Feuerwehr verlangt eben 90 Minuten. Das braucht extra Lacke, und extra kostet extra.
Ach ja, die Bürokraten. Die Alkohollizenz muss die Metro jedes Jahr neu beantragen – für jeden einzelnen der 48 Märkte. Geht es mit Bakschisch einfacher? „Bestochen wird nicht“, versichern die Manager des Handelsriesen. Geduld ist eine Tugend.
Mitte Dezember hat Gorda seinen Markt eröffnet. Er ist der jüngste in dem Handelsreich, das die Metro in acht Jahren in Russland aufgebaut hat, und er ist einer von sechs in Sibirien, der östlichsten Region, in die Cordes? Cash & Carry-Kavallerie bisher vorgestoßen ist.
Zu Gordas Eröffnungsfeier kam sogar der Gouverneur. Ein Großmarkt bedeutet Fortschritt, Entwicklung, Versorgung auf Westniveau. Er ist Vorbild und Lehrbeispiel. „Metro ist wie eine Universität für manche russische Städte“, sagt Gorda.
Zu Neujahr schickte der Gouverneur ein Telegramm mit den besten Wünschen. Der Marktleiter hat es gerahmt und aufgehängt.
Es ist Wirtschaftskrise…
Draußen vor seinem Büro ertönt ein Schaben. Zwei Bagger kratzen mit ihren Schaufeln festgepappten Schnee vom Parkplatz. Sie sind ungestört. 400 Autos fänden hier Platz, aber es sind nur zwei Dutzend da. Es ist Wirtschaftskrise, und das Geschäft läuft ja erst an.
Topfpflanzen gehen gut, sie stehen vor der Kasse neben den Angeboten der Woche, Kitekat-Katzenfutter und Kitkat-Schokoriegel. Wie viel Zeit ihm sein Chef gegeben hat, um seinen Markt in die schwarzen Zahlen zu bringen? „Nicht sehr viel“, sagt Gorda.
Der Mann, der über Gordas Zahlen wacht, tritt aus dem Seiteneingang auf den Parkplatz. Der Motor seines Autos läuft seit zehn Minuten. In Sibirien haben Funkschlüssel eine Taste mehr als anderswo: Die wirft den Wagen an, damit es beim Einsteigen drinnen schon warm ist. Pavel Lokshin setzt sich ans Steuer. Auf zur Marktbeobachtung.
Quadratisch-praktisch-schlechte Betonbehausungen aus der Sowjetzeit ziehen vor dem Fenster vorbei. Über der Hauptstraße lädt ein Werbebanner im Metro-Blau-Gelb zur Eröffnung des neuen Großmarkts ein. Die war vor acht Wochen. Wohl noch nicht abgehängt, weil es keinen neuen Werbekunden gibt. Lokshin freut?s: „Sehr schön: einen Monat bezahlen, ein Jahr kriegen.“
Ein paar Kilometer weiter hat ein russischer Supermarkt seine Fassade blau-gelb getüncht und „Cash&Carry“ draufgepinselt. Ein billiges Plagiat, aber der Parkplatz ist gut gefüllt. Metromann Lokshin gibt Gas.
Knapp 600 000 Menschen leben in Nowokusnezk, eigentlich fast zu wenige für einen rentablen Großmarkt. Warum die Metro hier dennoch 20 Millionen Euro investiert, verraten die Schlote, die fast von überall in der Innenstadt zu erspähen sind. Unter den Zaren nützlich allein als Exil für Missliebige wie den Schriftsteller Fjodor Dostojewski, wurde Nowokusnezk nur zur Stadt, weil es hier Kohle und Eisenerz gibt. Als Josef Stalin die UdSSR in den 30er-Jahren ins Industriezeitalter hetzte, war Nowokusnezk die Zukunft. Die Stadt erhielt den Ehrennamen Stalinsk, ihre Minen und Stahlhütten zogen Tausende Arbeitswillige an. Aus den Werken kamen die T43-Panzer, die Stalin gegen Hitler auffuhr.
Heute werden hier Bahnschienen gewalzt und wird Aluminium gekocht. Die Werke gehören russischen Konzernen wie Rusal und Evraz. Kunden der Metro sollen sie werden mit ihren Kantinen für Zehntausende Mitarbeiter. Dieses „süßeste Stück vom Kuchen“, wie Regionalleiter Lokshin sagt, sollen Marktleiter Sergej Gorda und er für Konzernboss Eckhard Cordes anknabbern. Der Traum eines Cash&Carry-Kommandeurs in Sibirien? „Wenn die Werke ihre Geschenkkörbchen mit viel Wurst und Wodka, die sie zu Weihnachten jedem Mitarbeiter schenken, bei uns bestellen“, sagt Lokshin.
Doch nun schrumpft die Zahl der Wurst-und-Wodka-Empfänger. Den Eigner von Rusal, den Milliardär Oleg Deripaska, musste Russlands Regierung bereits im Oktober mit 4,5 Milliarden Dollar flüssighalten. 4 000 Mitarbeiter habe jedes der Megawerke von Nowokusnezk Ende des Jahres entlassen, sagt Sergej Gorda. Macht ein theoretisches Minus von 12 000 Geschenkkörbchen für die Metro. Und bei einem Arbeitslosengeld von 130 Euro im Monat dürfen auch Restaurants und Kiosks kaum auf Umsatzsprünge hoffen.
Auftragsflaute, Produktionsrückgang. Mehr als sechs Millionen Russen sollen arbeitslos sein; der Rubel hat ein Drittel seines Werts verloren, was Importe verteuert. Nicht gerade ein Umfeld, das Metro-Manager vor Freude jauchzen lässt.
„Der Glaube vieler Russen an eine bessere Zukunft ist ungebrochen“
Sinken die Renditen, werden die Extrakosten, die das Erobern des russischen Markts mit sich bringt, zu einer größeren Belastung für die Metro. Die Devise in Russland lautet: Willst du, dass es gut wird, mach es selbst.
2 000 Mitarbeiter hat der Konzern vergangenes Jahr in einer eigenen Berufsakademie in Moskau in 30 verschiedenen Jobs, von der Kassenaufsicht über den Personalexperten bis zum Marktleiter, ausgebildet. Vielen Lieferanten muss westliches Qualitätsbewusstsein eingeimpft werden, damit nicht immer wieder die Hälfte einer Lieferung Ausschuss ist. Transparente Buchführung wäre auch schön. Für beides schickt die Metro ununterbrochen Prüfer durchs Land.
Dann die Logistik. Die Zugverbindungen sind dürftig, die Straßen schlecht, die Temperaturen extrem. In Sibiriens Winter muss Salat beim Transport auf mindestens vier Grad erwärmt werden, damit er nicht zu Salateis wird und verdirbt. Seit einigen Monaten unterhält die Metro in Russland eine Flotte mit 50 Lkw. Auch Konzerne wie Coca-Cola liefern in Russland mit eigenen Lkw aus.
Ja, könnte er sich etwas wünschen von Russlands Mächtigen, dann wären es bessere Straßen, bessere Zugverbindungen, seufzt Akin Bayer. Zwei mal ein Meter misst die Karte, die der Geschäftsführer von Metro Cash & Carry Russland an die Wand seines Büros in Moskau gehängt hat. Elf Zeitzonen, ein Land so groß wie ein halber Planet. Sibirien schimmert auf der Karte grün wie die Hoffnung. Ein „von der Logistik getriebener Markt“ sei Russland, sagt Bayer.
Zu einem Getriebenen mag er aber nicht werden, Krise hin, Krise her. Ja, sagt Bayer, 2009 werde wohl ein schwierigeres Jahr. Eigentlich wollte er dieses Jahr neun Großmärkte in Russland eröffnen, nun werden es wohl nur vier werden. Metrochef Cordes fährt konzernweit die Investitionen zurück. Aber Bayer schaut auf das Positive. „Sehr dynamisch“ sei der russische Markt nach wie vor, die Sparquote gering. Und das Wichtigste: „Der Glaube vieler Russen an eine bessere Zukunft ist ungebrochen.“
Handelsexperten wie Dale Clark von der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers geben ihm recht. „Metro könnte von der Krise profitieren“, sagt er. Viele Russen kaufen statt in den neuen Supermärkten im Weststil wieder bei lokalen Händlern ein, die 60 Prozent des Marktes ausmachen. Solche Miniläden, die manchmal nur fünf Quadratmeter Verkaufsfläche haben, holen bei Großhändlern wie Metro ihren Nachschub.
Dann hat Marktleiter Sergej Gorda also doch eine Chance, der Metro in Nowokusnezk bald Gewinne zu bescheren. Der Mann drei Etagen über ihm in der Hierarchie erwartet natürlich nichts anderes. „Wir stellen immer wieder fest, dass es kaum Länder gibt, in denen sich Investitionen so schnell amortisieren wie in Russland“, sagt Metro-Vorstand Frans Muller. In der Tat gelten die Renditen in Russland als üppig. Auf vier Prozent schätzen Analysten die Marge in etablierten Märkten wie Deutschland im Cash & Carry-Geschäft. In Russland sollen sie bisher drei- bis viermal so hoch sein.
Zigarettenpause. Boris Anischenko hat die Pelzmütze aufs kahle Haupt gesetzt. Seine Frau ist ja nicht glücklich über seinen Job, immer so lange Touren! „Aber so sind die Frauen“, sagt er und grinst. Er fährt gerne mit seinem 40-Tonner Marke Freightliner. Dessen Lenkrad ziert ein Mercedes-Stern, der Lkw-Konzern gehört zu Daimler, dem alten Arbeitgeber von Cordes. Als er dort Chef der Nutzfahrzeugsparte wurde, machte er sogar den Lkw-Führerschein.
Was würde Boris Anischenko einem unerfahrenen Fahrer raten, der den langen Weg über den Ural noch nie gefahren ist? Er überlegt. „Bloß nicht hetzen“, sagt er, „regelmäßig den Laster checken. Und die eigenen Fähigkeiten als Pilot nie überschätzen.“
Den ersten Großmarkt der Metro in Russland eröffnete Hans-Joachim Körber im Jahr 2001. Seither hat der Konzern bis zu zehn Märkte pro Jahr in Russland eröffnet und etwa eine Milliarde Euro investiert. Damit haben die Deutschen ihre großen internationalen Konkurrenten wie den US-Konzern Wal-Mart und Frankreichs Carrefour weit hinter sich gelassen. Nach der russischen X5-Group ist Metro die Nummer zwei in Russland, der Markt ist allerdings noch sehr zersplittert. Analysten erwarten bald eine Marktbereinigung, weil viele russische Handelskonzerne als überschuldet gelten und wegen der Abwertung des Rubels Kapital brauchen . Das könnte für Westkonzerne Kaufmöglichkeiten bieten, sagt Dale Clark von Pricewaterhouse-Coopers. Zwei neue Länder sollen in diesem Jahr zum Cash&Carry-Reich der Metro hinzukommen: Ägypten und Kasachstan.
Handelsblatt.com
23.03.2009
Von Christoph Neßhöver




